Nachruf für Gerd Lisken

GERD LISKEN (1928-2018)

NACHRUF

Foto: Maria Otte

1960 kam ein junger Dozent für das Fach Musik an die Bielefelder Pädagogische Hochschule: Gerd Lisken (1928-2018). Er blieb dort bis zu seiner Pensionierung 1993, seit 1968 als Professor, „Die 33 Jahre im Hochschuldienst waren eine gute Zeit, denn meine vielseitigen Begabungen wurden gebraucht“, meinte er einmal.

Er lebte und wirkte danach weiter in Bielefeld, bis zu seinem Tod als Neunzigjähriger am 26. Mai 2018. Insgesamt also 58 erfüllte Jahre in Bielefeld! Dabei stammte er vom Niederrhein, aus Moers, wo er 1928 in eine musikalische Familie geboren wurde, aus der schon in der 4. Generation Musiker und Musikerinnen hervorgegangen waren. Ab dem 8. Lebensjahr bekam er Klavierunterricht, mit 14 Jahren kam das Cello hinzu und nach 1944 die Orgel, weil das Klavierspiel durch die kriegsbedingte Zerstörung des Elternhauses unterbrochen werden musste.

So war es keine Frage, dass Gerd Lisken 1947 an die Musikhochschule Trossingen ging, um auf Druck seines Vaters Schulmusik zu studieren („das war in der damaligen Wirtschaftslage sicher vernünftig“). 1951 wurde Trossingen geschlossen und er verlor damit auch die Aussicht auf eine Assistenz

bei seinem Kompositionslehrer, Prof. Helmut Degen, und damit auf eine eventuelle Hochschullaufbahn. In Köln setzte er dann sein Schulmusikstudium fort und unterrichtete nach seinem Examen 6 Jahre am Rethelgymnasium in Düsseldorf Musik und Religion.

Hautnah erlebte er dann an seinem neuen Wirkungsort Bielefeld die 68er-Bewegung mit, die bald von den Hochschulen auch in die Stadt überschwappte.

Er fühlte sich in seinem politischen Engagement herausgefordert und entdeckte als Komponist und Improvisator die politisch-sozialreformerische Seite seiner künstlerischen Begabung: Unvergessen sind seine Auftritte auf Demos, Sitzstreiks und Sit-Ins, wenn er Agitpropsongs, Bänkellieder, selbstgedichtete Chansons kabarettreif mit seiner wunderschönen Baritonstimme sang und sich dabei selbst begleitete.

Seine ungewöhnlich herzliche, anregende, offene, ja mitreißende Wesensart animierte unzählige seiner Studenten und privaten Klavierschüler, selbst musikalisch aktiv und kreativ zu werden, so dass heute nicht wenige in der professionellen Musikerszene zu finden sind.

Anfang der 70er Jahre entdeckte Gerd Lisken die Freie Improvisation. Lilli Friedemann aus Hamburg war damals in Deutschland eine bedeutende Geigerin, die sich vehement für die Kollektiv-Improvisation einsetzte. Hier bekam Lisken wichtige Impulse für seine Lehrtätigkeit, die das Herangehen an Musik von einer völlig neuen Seite ermöglichte. So entstand z.B. in der PH das legendäre „Chaos-Orchester“ sowie das „Vokal-Quadrat“, in dem viele Generationen von Studierenden grundlegende und neue Erfahrungen machen konnten und so manche Aktion fand dann schon mal in der U-Bahn oder im Wald statt.

Neben dem pädagogischen Ansatz entwickelte er auch den künstlerischen: vor 48 Jahren gründete er zusammen mit seiner Frau Anke Züllich-Lisken und Willem Schulz das“ Trio Dekadenz“. In unzähligen Auftritten experimentierten sie frei mit Klängen und Interaktionsformen. Was kommt aus mir heraus, wie hört sich das an, wie berühren uns Klänge, was lösen sie aus, wie formt sich aus dem Augenblick eine Musik, die stimmig und somit gut ist? Wichtige Fragen der schöpferischen Musikausübung, die das Trio neben Konzerten auch in Workshops mit jungen Musikern praktisch anging.

In den letzten 2 Jahren entstand außerdem das Trio WEGULI, in dem er mit Reinhold Westerheide und Andreas Gummersbach zwischen Bach und freier Musik virtuos neue Verbindungen suchte.

Gerd Lisken trat aber auch solistisch auf: mit unbändiger Freude operierte er am und im Flügel neben der üblichen Spielweise mit allerlei Utensilien wie Holzstäbchen, Besen, Gläsern, Kugeln, Filzschlegeln. Sirrende, ratschende, wummernde und klirrende Klänge erweiterten das Spektrum. Ebenso flossen Kinderlieder, Jazzfiguren, Minimalstrukturen, Pentatonik oder barocke Polyphonie in seine Musik ein. Gerd Lisken stand authentisch zu seiner Vielseitigkeit.

Als Komponist schuf Lisken vor allem Kammermusik und Chorwerke, die im Hans-Sikorski-Verlag veröffentlicht wurden. Für ein Chorwerk bekam er 1999 den Carl von Ossietzky – Kompositionspreis der Universität Oldenburg. Er schrieb aber auch eine große Anzahl an Liedern, die er z.B. in seinem Soloprogramm „In den alterslosen Seen“ vortrug und auf der CD „Meine Lieder“ aufnahm. Hier wird sein Interesse an ambitionierten Texten deutlich. Rose Ausländer, Inge Müller und auch er selbst erzählen von Liebe, dem Jenseits und dem großen Licht, aber auch von dem ganz normalen Irrsinn.

Letzteres hatte er in einer Tournee mit seinem alten Schulfreund Hans-Dieter Hüsch bereits auf die Spitze getrieben.

1989 gehörte er mit einer Handvoll weiterer, für moderne Musik begeisterter Bielefelder zu den Gründern des Vereins „Cooperativa Neue Musik“. Es war ihm ein Herzensanliegen, mit Rat und Tat die Musik des 20. Jahrhunderts in Bielefeld zu fördern, einige Jahre zusammen mit Anke Züllich-Lisken auch als Vorsitzende und bis zu seinem Tode als Mitglied des Programmbeirates.

Als Krönung seines musikalischen Wirkens empfand er darüber hinaus die Gründung des „Cooperativa-Ensembles“ 2015, in dem sich – je nach Programm – bis zu einem Dutzend Instrumentalisten, Sound-Artists, Sängerinnen und Sprecherinnen zusammen finden.

So wurden im Programm „Erfüllte Augenblicke“ seine Kompositionen „Aria“ und „Schmetterling“ aufgeführt. Ebenso interpretierte er das Nachtstück von Jörg Widmann oder wie bei seinem letzten Ensemble-Konzert mit „Dekadenz plus“ im November 2017 in der Kunsthalle Bielefeld „Elis“ von Heinz Holliger. Für die Uraufführung „5 Seen“ Anfang April in der Rudolf-Oetker-Halle hatte er seinen Klavierpart bereits einstudiert, konnte dann aber auf Grund seiner Erkrankung nur noch als Zuhörer teilnehmen.

Gerd Lisken war zudem ein begeisterter und unermüdlicher Hörer, der es verstand, die Musikerinnen und Musiker in ihrem jeweiligen Tun anzuerkennen und zu unterstützen. Man traf ihn in den verschiedensten Genres der Musikwelt, sei es in Symphoniekonzerten in der Oetkerhalle, in der Oper, unbedingt in jeglichen Neue-Musik-Konzerten, in Jazz-Abenden des Bunkers, in den genreübergreifenden Veranstaltungen der Capella hospitalis oder in Weltmusikkonzerten.

Für seine vielfältigen Aktivitäten und Verdienste wurde ihm 2009 der Bielefelder Kulturpreis verliehen.

Allen, die sein erfülltes Leben punktuell oder längerfristig begleiten durften, wird er ein unvergesslicher Teil ihres Lebens bleiben.

Die Trauerandacht findet am 5. Juni um 12 Uhr in der Stiftskirche in Schildesche statt.

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