Jour fixe 2016

05. Dezember 2016
Andi Otto
Unschärfen des Körpers in elektronischer Musik – Konzert und Diskussion

Mit den komplexen Optionen der Klanggestaltung in elektronischer Musik stellt sich für viele Musiker die Frage, was sie eigentlich auf der Bühne tun sollen, wenn sie für ein Konzert eingeladen werden. Das „Elektro-Instrumentale“ ist ein schillernder Begriff, der für diverse Konzepte zwischen Play-Buttons des DJs und komplexen interaktiven Setups stehen kann. Die Frage ist dabei, wie die Präsenz des musizierenden Körpers mit elektronischen Prozessen zusammengebracht werden kann, über welche Techniken und Metaphern eine Livesituation inszeniert wird, und welche ästhetische Bedeutung diese Entscheidungen haben können. Diese Fragen sollen gemeinsam diskutiert werden mit einem speziellen Blick auf die Rolle des Körpers, der einen Klang zur Aufführung bringt. Wie hören wir zu, wenn wir eine CD abspielen, wie, wenn sich ein Performer dazu bewegt, und wie, wenn der Performer die Klänge tatsächlich erzeugt?
Am Beispiel der Geschichte des STEIM in Amsterdam erläutert Andi Otto verschiedene Ansätze des Elektro-Instrumentalen. STEIM steht für „Studio for Electro-Instrumental Music“ – dort werden seit 1969 Instrumente entwickelt. Diese sind häufig Unikate, Experimente und Basteleien, aber auch aufwändige Projekte wie etwa „The Hands“ in den 1980er Jahren, in denen Hand-Sensoren Daten an Computer sendeten, um aus Gesten Klänge zu formen.
Sein eigenes Instrument „Fello“ hat Andi Otto am STEIM seit 2007 entworfen. Darin hat er den Cellobogen mit Sensoren erweitert, so dass die Gestik des Bogens und der Fingerdruck gemessen werden kann. Der verstärkte Celloklang lässt sich dadurch live modulieren und es entsteht ein komplex bespielbarer, instrumentaler Raum rund um das Cello. Andi Otto wird sein Instrument demonstrieren und Details und seine individuellen Ideen der Interaktion mit elektronischem Klang erläutern.
Andi Otto ist Komponist und Performer elektronischer Musik, er lebt und arbeitet hauptsächlich in Hamburg.
Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht das selbstentwickelte Instrument „Fello“, eine elektronische Erweiterung des Cellobogens mit Bewegungssensoren. Er war Stipendiat an der „Villa Kamogawa“ in Kyoto und tourt international, wobei insbesondere die Musikkulturen Indiens und Japans ihre Spuren in seiner Musik hinterlassen. Er hat eine Doktorarbeit über das STEIM SensorLab verfasst (eine Pionierarbeit für experimentelle Musik-Interfaces aus den 80ern) und unterrichtet Kurse zur Praxis und Theorie elektronischer Musik an der Hochschule der Künste in Bern und der Humboldt Universität Berlin. Andi Otto ist Mitglied des Flinn-Works Theaterkollektivs in Berlin und komponiert für Film-, Theater- und Tanzproduktionen. Er hat seit 2004 vier Alben unter dem Künstlernamen „Springintgut“ veröffentlicht und verwendet seit 2015 seinen bürgerlichen Namen auch als Künstlernamen. Als DJ veranstaltet er regelmäßig Abende im Golden Pudel Club in Hamburg.
http://www.andiotto.com

07. November 2016
Geplante Obsoleszenz
Marcus Beuter, Angelika Höger, Peter Schwieger

Zwischen Performance, Geräuschmusik und öffentlich gemachtem Experiment bewegen sich die Auftritte des Klangkunsttrios Geplante Obsoleszenz.
Gemeinsam gehen sie auf akustische Entdeckungsreise. Sie erkunden Räume, Materialien und Themengebiete. Experimentierfreude und Spontanität stehen dabei im Vordergrund.
Zur Zeit ist das Trio mit der Performance Schwellenbereiche in Ostwestfalen unterwegs. In fünf Kunstvereine werden die Räume selbst zum Klingen gebracht. Eichenbalken, Gaderobenständer, Verteilerkästen, Fußböden. Die Räume, in denen sonst Kunst gezeigt wird, werden selbst zum Kunstobjekt.
Drei der Performances haben schon stattgefunden, im November folgen noch die Bespielungen der Kunstvereine Oerlinghausen und Bielefeld.
Das Trio gibt Einblick in seine Arbeitsweise, zeigt Beispiele der bisherigen Aufführungen und lädt zur Diskussion über diese Form der Raumbespielung ein.
Geplante Obsoleszenz: Das Trio Beuter, Höger und Schwieger arbeitet seit 2009 zusammen und beschäftigt sich mit elektroakustischen Klangprojekten. Alle drei Mitwirkenden haben verschiedene künstlerische Herangehensweisen, die sich in ihrem gemeinsamen Projekt zu einem lebendigen Dialog bündeln. Infos zu aktuellen Projekten unter: http://www.geplante-obsoleszenz.eu

24. Oktober 2016
Livemusik im Film
Das Trio NAMU 3 und seine improvisierte Klangwelt im Film

Seit der Gründung ihres Trios NAMU 3 im Jahr 2012 haben der belgisch-amerikanische Gitarrist Steve Gibbs, der Cellist Willem Schulz und der Perkussionist Joachim Raffel stets hoch spannende musikalische Begegnungen gesucht. So arbeiteten sie im Rahmen von Joachim Raffels Werk „Drone for La Monte Young“ bereits in der Anfangsphase der Band mit mehreren Tänzerinnen und Tänzern zusammen, gaben sogar ein Konzert zusammen mit den 100 Jahre alten industriellen Webstühlen des Tuchmacher Museums Bramsche. Musikerinnen, wie Saxofon-Shooting-Star Anna-Lena Schnabel und wie die Ausnahmevokalistin Guylaine Cosseron zählten schon zu ihren Gästen. Auch für zwei Videokünstler war das Trio mit seiner improvisierten Musik zwischen rauem Noise, Momenten zarter Lyrik und dann wiederum geradezu rituell anmutenden Klängen interessant: Helmuth Kohn (D) und Jérémy Carpenet (FR).
Mehrere Arbeiten widmeten die beiden Filmer NAMU 3. Stilistisch ganz unterschiedlich geartet zwischen Close-Up-Realismus und poetischem Epos zeichnen diese ein sehr eindrucksvolles und facettenreiches Bild der Band. Erstmals werden die Filme nun in einem speziellen Programm kombiniert mit kurzen Live-Sets von NAMU 3 vorgestellt. Die Abende, an denen Helmuth Kohn auch persönlich präsent sein wird, bieten über das visuelle wie musikalische Erlebnis hinaus die ideale Voraussetzung für eine angeregte Reflektion mit dem Publikum über die Umsetzung von Musik im Film.
Die Veranstaltung findet im Filmhaus Bielefeld statt.

12. September 2016
Die Zeitgenössische Musik im Iran, das Iran Festival in Hannover und das Konzert des Ensemble Hannover-Teheran in Bielefeld – Sharokh Khajenouri (Teheran) und Joachim Heintz (Hannover)

In Vorbereitung für das Konzert des Ensemble Hannover-Teheran am 22.9. im Haus Wellensiek wirft die Cooperativa Neue Musik einen Blick auf die zeitgenössische Musik im Iran.
Sharokh Khajenouri aus Teheran referiert über die Geschichte der zeitgenössischen Musik im Iran und deren Pioniere bis hin zu den jetzigen Aktivitäten.
Joachim Heintz von der Hannoverschen Gesellschaft für Neue Musik berichtet über das Festival Dastgah, das im September in Hannover stattfindet.
Im Jour fixe wird es auch eine kleine Einführung in das Konzert des Ensemble Hannover-Teheran geben, bei dem vier neue Stücke zeitgenössischer iranischer Komponisten aufgeführt werden.

04. Juli 2016
Soundwalk

Ein Klangspaziergang mit Angelika Höger und Marcus Beuter
Die Geräuschmusik ist über 100 Jahre alt. Aber selten hören wir die uns umgebenden Geräusche als Musik. Soundwalks – geführte Spaziergänge zum Zuhören öffnen die Ohren für das, was wir im Alltag oft ausblenden.
Wie klingt ein Teil Bielefelds an einem Montagabend? Was hören wir, wenn wir schweigend in einer Gruppe durch die Straßen gehen? Gibt es versteckte Klänge zu entdecken? Gewöhnliche, die neu klingen?
Der Klangspaziergang startet um 20 Uhr an der Capella hospitalis und endet dort gegen 22 Uhr. Bitte erscheinen Sie dem Wetter gemäß gekleidet.

06. Juni 2016
GegenKassettenWart

„Tapes sind generell nichts Besonderes. Tapes sind nie wirklich von der Bildfläche verschwunden, im Kontext von Szenen wie DIY Punk/Drone/Noise/Black Metal/Hip Hop etc. waren sie immer vorhanden bzw. ein grundlegendes Medium. Die Szenen in denen Tapes zirkulieren, sind für uns vielmehr interessant, jede von ihnen ist praktisch ein eigenes Universum für sich, aber gleichzeitig verwoben in ein Netzwerk von anderen Szenen.“ [Gravity’s Rainbow Tapes]
Das eindrucksvollste Mittel der Nachrichtenweitergabe aber sind die auf Kassette gespeicherten Reden Chomeinis. Aus den Minarett-Lautsprechern der rund 80 000 Moscheen ertönt die Stimme des „Zeichens Gottes“ und fordert zum unerbittlichen Kampf gegen den Schah auf. Bei Massenkundgebungen werden Kassettenrecorder an die Mikrophone gehalten, und wieder ist die – Stimme Chomeinis, des neuen Imam, zu hören. [Die Zeit, 5. Februar 1980]
„Tapes waren da das einzige Medium, worüber man an die meisten Veröffentlichungen herankam. Die Ost-Szene im Bereich von Punk, experimenteller und Kunst-Musik funktionierte ausschließlich nur über den Vertrieb und Tausch von Tapes, vorbei an dem damaligen staatlichen System. Die Herstellung von Tapes damals im Untergrund war von Illegalität geprägt und hat vielfach auch Repressionen nach sich gezogen.“ [Gravity’s Rainbow Tapes]

02. Mai 2016
Erhard Hirt – von der Liebe zu den langen Tönen

Erhard Hirt – Gitarrist, Improvisator, Autodidakt und Bluesmusiker gibt
einen Einblick in seinen musikalischen Werdegang, sowie in seine Tätigkeiten
als Kurator und Kulturorganisator in Münster.

04. April 2016
Helmut Lachenmann: musique concrète instrumental – ein ästhetisches Abenteuer

Referentinnen: Heidemarie Bhatti-Küppers und Edith Murasova
Helmut Lachenmann, der am 29.November 2015 seinen 80. Geburtstag feierte, zählt international zu den führenden Komponisten der zeitgenössischen Musik. In den langen Jahren seines Schaffens hat er nach einer neuen musikalischen Ausdrucksform gesucht, die ungewohnte Klänge und Geräusche einbezog. In seiner „Musique concrète instrumentale“ geriet der „normal“ gespielte Ton zur Ausnahme, zu einer akustischen Möglichkeit unter vielen. Der Vorstellung von Klangzauber und Glamour-Sound als den „Insignien tönender Verführung oder ästhetischen Sedativums“ misstraut Lachenmann und setzt ihr den „Klang als Nachricht von seinen Entstehungsbedingungen“ entgegen. Ähnlich wie bei manchen Aufnahmen Glenn Goulds das Anschlagsgeräusch und auch sein Atem mithörbar sind, hat Lachenmann seinerseits den Geräuschanteil der Tonproduktion thematisiert. Die mechanischen Bedingungen bei der Klangerzeugung werden Teil der Komposition. „Das Ganze“, so Lachenmann, „wird zur ästhetischen Provokation: Schönheit als verweigerte Gewohnheit.“
Neben seinem ca. 50 Kompositionen umfassenden Werk hat Lachenmann auch eine Fülle von Texten verfasst, die sehr grundlegend und radikal sind und die nicht nur Reflexionen über das Komponieren enthalten, sondern auch über das Musik-Leben und die Musikrezeption unserer Zeit.
Anhand einiger ausgewählter Musikbeispiele erläutern die beiden Referentinnen Lachenmanns „Poetik des Geräuschs“, die auf neue Horizonte des Hörens abzielt.

07. März 2016
Florian Hartlieb

Der Komponist und Medienkünstler Florian Hartlieb arbeitet im Spannungsfeld von elektroakustischer Komposition, Programmmusik und improvisierter Liveperformance. Dabei erforscht er das Konzept akustischer Gegenständlichkeit durch die Verschmelzung transformierter Fieldrecordings und Geräuschen aller Art, zu dialektischen Pattern und Mehrkanal-Audio.
Im Rahmen des Jour fixe stellt Hartlieb einige seiner Werke vor, die zum Zuhören, Zuschauen und auch zum Mitmachen einladen.
Hartlieb (*1982) studierte elektronische Komposition an der Folkwang Universität der Künste in Essen sowie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Seine Arbeiten wurden international ausgezeichnet und auf zahlreichen Festivals und Konferenzen weltweit aufgeführt.
Florian Hartlieb leitet den künstlerischen Masterstudiengang „Professional Media Creation“ am SAE Institute Bochum in Kooperation mit der Folkwang Universität der Künste und lehrt Medienkunst an der TU Dortmund.

01. Februar 2016
Visiting Charles Ives today – Bericht mit Fotos und Musik von einer Reise durch New England und New York

Im Sommer 2015 konnte sich der Referent, Gründungsvorsitzender und Ehrenmitglied der Cooperativa Neue Musik, einen seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gehegten Wunsch erfüllen und auf den Spuren des großen amerikanischen Komponisten Charles Ives viele Orte seines Lebens und Wirkens sowie der Inspiration zu seinen Werken aufsuchen. Die Reise führte von Boston und Concord (dem „Weimar der USA“) nach New York (dem Sitz der von ihm gegründeten Lebensversicherung und Wohnort während des Winterhalbjahres) und von dort über New Haven mit der Yale-University (Ives‘ Studienort), Danbury (Stadt seiner Geburt, Kindheit und Jugend sowie seiner letzten Ruhestätte) und Redding (Sommersitz seiner letzten 40 Lebensjahre) zurück nach Boston.
Charles Ives (1874-1954) ist neben John Cage und Morton Feldman der im Weltmaßstab bedeutendste Komponist, den die USA im 20. Jahrhundert hervorgebracht haben. In seinen wichtigen Werken, die allesamt in den rund 15 Jahren zwischen 1901 und 1916/17 entstanden sind, hat Ives in allen Parametern des Komponierens vielfältige Entdeckungen gemacht und neuartige Konstruktionen daraus entwickelt. Mit Recht wurde darum gesagt, er habe viele spätere Entwicklungen der Neuen Musik im Ansatz bereits vorweg genommen. Da Ives in seinen Werken im Prinzip jederzeit alle existierenden musikalischen Materialien aus Vergangenheit und (seiner) Gegenwart als – mehr oder weniger deutlich identifizierbare – Zitate verwenden kann, hat man ihn auch als den Erfinder der musikalischen Collage bezeichnet. Diese Fülle unterschiedlichster musikalischer Mittel und Gestalten musste sich den Vorwurf der Stillosigkeit und des Dilettantismus gefallen lassen. Doch liegt solche „Stillosigkeit“ in der Konsequenz von Ives‘ Musikauffassung: Wenn es gilt, Aspekte und Vorgänge des Lebens in adäquate musikalische Formen umzusetzen, dann muss dafür ein Höchstmaß an kompositorischen Möglichkeiten, an überkommenen, gegenwärtigen und neu zu erfindenden, zur Verfügung stehen – in seinen eigenen Worten: „Die Zukunft der Musik wird nicht nur bei der Musik selber liegen, sondern eher in der Art, wie sie die Ziele und Ideale der Menschen ermutigt und erweitert, statt sie zu begrenzen; in der Art, wie sie an den besseren Dingen teilnimmt, welche die Menschheit unternimmt und von denen sie träumt.“
Zu unserer großen Freude wird das neben „The unanswered Question“ wohl bekannteste Werk von Ives, „Three Places in New England“, im 5. Konzert der Bielefelder Philharmoniker, am 12. und 14. Februar, aufgeführt werden, und das gezielt in Verbindung mit der 5. Sinfonie Beethovens, deren Eingangsmotiv im dritten der „Three Places in New England“ eine eminent wichtige Rolle spielt. Im Hinblick darauf ist der Jour fixe der Cooperativa Neue Musik am 1. Februar auch als einführende Vorbereitung auf das Konzert zu sehen.
Referent: Dr. Ulrich Maske

11. Januar 2016
Voice versa – Stimmimprovisationsduo Laureline Koenig und Anna Bella Eschengerd

Zwei weibliche Stimmen tasten den Raum ab und übersetzen schwingende Stimmungen und Erfahrungen in Klänge. Die Künstlerinnen entwickeln in ihrer Performance eine situationsgebundene klangliche Rauminstallation in Resonanz mit der Capella Hospitalis und den Besucherinnen und Besuchern.
Sie setzen ihre Stimmen im vollen Umfang vom Geräusch bis zu harmonischen Tonfolgen ein, verweben Klänge und Textfragmente über Sprachgrenzen hinweg und komponieren so improvisierend ein Klangbild für diesen Abend. Die beiden Künstlerinnen geben dem, was zwischen den Zeilen passiert, zwischen Worten in ihren Grenzen eine Form im Augenblick. Sie machen eine Art haptischen Zuhörens erfahrbar, mit dem sie nach einer inneren Resonanz suchen. Sie nehmen den Nebel eines nichtanalytischen Blicks als Ausgangspunkt für Ihre Improvisationen.
Über Laureline Koenigs und Anna Bella Eschengerds Arbeit:
Laureline Koenig verarbeitet traditionelle Erzählungen, Gesänge und individuelle Lebensgeschichten in ihren Stimmimprovisationen. Sie beforscht Improvisation künstlerisch hinsichtlich Oralität der Sprache, Übertragung und Grenzen.
Anna Bella Eschengerd entwickelt im Augenblick der Aufführung spontane Wort- und Stimmimprovisationen. Sie gestaltet durch Textfragmente, Gedankensprünge und Assoziationen ein Resonanzfeld zwischen sich, dem Publikum und dem Raum. Ihrer Stimme und Sprache gibt sie Gestalt im Dazwischen von Klangkörper und Sinnträger.

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